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Gesundheitlich...

... geht es auf diesem Blog weiter! Alles was ich zuvor über die Schilddrüse verfaßt habe, hat mich genau dorthin gebracht. Und damit sich das nicht alles häuft und hier zu Verwirrung führt, trenne ich die beiden Blogs, auch wenn das eine ebenso ich bin wie dieses hier. :)

Eure Soda.







Freitag, 28. Oktober 2011

- Die Schere -

  Begonnen aus Geldmangel hatte sie ein Hobby in der Näherei gefunden. Mittlerweile war es ihre Passion, und sie liebte es, sich die Schnittvorlagen so abzuändern, wie sie es haben wollte. Ihre Kreationen waren nicht nur modern, sondern ausgeflippt, exzentrisch und etwas Besonderes. Viele Leute hatten sie schon darauf hin angesprochen, woher sie denn ein bestimmtes Kleidungsstück habe, und wenn sie sagte, das sie es selber entworfen und genäht habe, leuchteten ihre Augen voller Freude und Stolz. Aus der Nachbarschaft kamen oft Bekannte, die sich von ihr ihre Kleidung umändern, abändern oder aufpeppen ließen.

Sie war sehr zufrieden, doch mit der Zeit verlangte ihr nach mehr. Sie wollte noch ausgefallenere Kreationen erschaffen und arbeitete Tag und Nacht auf Hochtouren, um ihren eigenen Ansprüchen Genüge zu tragen.



Als sie sich mit Hilfe ihren Näharbeiten ein kleines Pölsterchen angespart hatte, entschloss sie sich, sich modernes Equipment zuzulegen. Sie investierte in eine neue Nähmaschine, die mehr Leistung brachte, in hochwertiges Garn, Nähnadeln und auch eine neue Schere. An sich hatte sie gar keine Schere kaufen wollen. Doch ihr Blick fiel auf ein Modell, dessen Griff golden funkelte und die Form einer in sich gewundenen Schlange besaß. Sie nahm sie vorsichtig in die Hand und ließ sie durch die Finger gleiten. Ein Glitzern durchlief den Griff, als ihre Fingerkuppen den Kopf der Schlange leicht berührten. Sie war fasziniert von der Ausstrahlung und dem Glanz, den die Schere verbreitete und konnte nicht widerstehen.
Sie mußte sie haben! Freudestrahlend ging sie nach Hause und baute ihre Errungenschaften auf. Die alte Nähmaschine verfrachtete sie in den Keller, zusammen mit einem kleinen Karton, in dem sie die alte Schere und den Krimskrams aufbewahrte, den sie nun nicht mehr an ihrem Arbeitsplatz liegen haben wollte.



Als sie sich spät abends an einen neuen Schnitt begab, wollte ihr vor Aufregung und Vorfreude auf die neue Nähmaschine erst nichts einfallen. Sie betrachtete die Schere und berührte sie sacht. Die Schlange leuchtete wieder auf, und ihr kam die Idee zu einem neuen Kleid. Wie von Geisterhand schien sich der Stoff schneiden zu lassen, und ebenso schnell ließ sich das Kleidungsstück nähen. In kürzester Zeit - noch weit vor Morgengrauen - war das neue Kleid fertig, und es sah so professionell und wunderbar aus, das sie es direkt überstreifte. Nie hätte sie gedacht, das sie es so schnell würde fertigstellen können.
"Es ist wie verhext," dachte sie voller Freude.
Angetrieben durch ihren Erfolg, wollte sie sich dazu noch die passende Jacke entwerfen. Auch hier hatte sie anfangs ihre Schwierigkeiten, doch kaum hatte sie den Griff der Schere berührt, war es, als strömten die Ideen nur so auf sie ein.



So ging es Tag um Nacht, um Tag um Nacht. Sie hatte weder die Muße noch die Zeit sich hinzulegen und auszuschlafen, so viele Ideen hatte sie für neue Kleidungsstücke. Ihre Nachbarn waren begeistert und das Telefon wollte nicht mehr stillstehen, so viele Anfragen kamen. Es dauerte nicht lange, und ihr Talent hatte sich weit über den Ort hinaus verbreitet. Täglich wollten mehr und mehr Leute in den Genuss einer ihrer Kreationen kommen.
Sie arbeitete wie besessen an Kleidern, Jacken, Westen, Hosen, Hemden, Morgenröcken, Schlafanzügen... Zum Schlafen hatte sie wirklich keine Zeit mehr! Manchmal war sie so müde und erschöpft, das sie sich zwei Stunden Ruhe auf ihrem Sofa gönnte, doch sobald sie die Augen aufschlug zog es sie magisch in Richtung der Schere. Wenn sie sich mehr als zwei Meter von dieser entfernte, leuchtete die goldene Schlange verführerisch auf, und sie konnte dem Drang, sie zu berühren, nicht widerstehen.
Und so ging es seit Monaten. Schwarze, dicke Ringe hatten sich unter ihren Augen gebildet, ihr Haar war verfilzt und sie war abgemagert. Es gab nichts anderes mehr für sie, als zu schneiden und nähen.



Eines abends, sie hatte die Augen gerade aufgeschlagen, blitze die Schlange wieder auf. Doch sie konnte sich beim besten Willen nicht aufraffen. Sie drehte sich in die andere Richtung und zog sich die Decke über den Kopf, doch die Unruhe hatte sie ergriffen. Sie blieb noch einen Moment liegen, dann erhob sie sich ermattet und trottete schlaff zu ihrem Nähplatz und nahm die Schere in die Hand. In diesem Moment war sie wie ausgewechselt, eine seltsame Kraft durchströmte sie. Obwohl ihr Körper völlig ausgemergelt war, bewegte sie sich mechanisch und schnitt kraftvoll Kleidungsstück um Kleidungsstück zu, nähte und nähte. Erst als es lange schon hell draußen war und gegen mittag ging, wurde sie wieder von einer erschlagenden Müdigkeit übermannt.
So ging es Tag für Tag, Nacht für Nacht weiter. Wie in Trance fertigte sie Jacke um Jacke, Kleid um Kleid, Hemd um Hemd. Das Telefon hielt sie zudem noch wach, da es kaum eine Stunde gab, in der nicht jemand eine Bestellung aufgeben wollte. Ihr Körper schien ihr schon lange nicht mehr zu gehorchen, denn obwohl ihre Beine manchmal zitterten vor Müdigkeit, konnte sie immerzu weiter werkeln, zuschneiden, nähen, anprobieren, umändern...



Es war sehr früh an einem kalten, verregneten Morgen, als sie die Augen aufschlug und ihr erster Blick auf die Schere fiel. Sie meinte sich zu erinnern, sie neben die Nähmaschine auf ihren Arbeitstisch gelegt zu haben. Doch die Schlange blitzte sie von ihrem Sofatisch aus an, der direkt neben ihrem Kopf stand. Mit einem Ruck setzte sie sich auf und betrachtete den Griff eine Weile. Die Augen der Schlange hatten eine rötliche Farbe angenommen, und der Körper war mehr und mehr ins Grünliche gewichen. Das Gold schien nur noch vereinzelt an einigen Stellen hindurch.
"Genug damit!" dachte sie, völlig erschöpft. "Ich höre auf, es reicht!"
Sie ging in die Küche, nahm sich ein paar Gartenhandschuhe aus der Schublade und zog einen alten Schuhkarton aus ihrem Vorratsschrank. Dann wickelte sie die Schere in ein dickes, baumwollenes Handtuch und legte sie in den Karton, den sie im Keller in der hintersten Ecke verstaute. Als sie in ihre Wohnung zurückkam, war sie müde wie nie zuvor. Die Augen fielen ihr noch beim Laufen zu, und ermattet sank sie auf dem Sofa nieder. Sie schlief fast einen ganzen Tag durch.



Nach einigen Tagen brachte sie auch die neue Nähmaschine in den Keller und baute ihre alte wieder auf. Nichts wollte sie mehr damit zu tun haben. Der Karton, in dem sich die Schlangenschere befand, schien sie anzuziehen, als strahle er eine besondere Magie aus. Sie schüttelte den Kopf und wollte sich abwenden, doch wie von einer unsichtbaren Macht gezogen bewegte sie sich auf den Karton zu. Mit aller in ihr wohnenden Kraft stemmte sie sich dagegen und rannte aus dem Keller.
Sie atmete schwer, als sie oben ankam. Sie war auf die Straße gerannt, ohne sich dessen gewahr zu werden.  Es brauchte eine ganze Weile, ehe sie wieder zu Atem kam, dann kehrte sie in ihre Wohnung zurück.
Zu ihrem Entsetzen lag die Schere an ihrem gewohnten Platz neben der Nähmaschine. Sie riss die Augen vor Schreck auf und wollte erneut davon rennen, doch sie war erstarrt und konnte sich nicht bewegen.
"Nein," dachte sie immerzu, "nein, nein, das kann nicht sein!"
Panik kroch in ihr hoch und sie fühlte, wie sich ihre Kehle zuschnürte. Sie Schere strahlte und glimmte in einem rötlich-goldenen Licht, ein pulsierender Schein umgab sie. Die Augen der Schlange schienen sie anzustarren und zu locken. Wie in Trance ergriff sie die Schlange und hielt sie schier endlos lange in den zitternden Händen. Ihr Körper bebte vor Angst.



Nachdem man sie Tage lang nicht telefonisch hatte erreichen können und niemand in der Nachbarschaft sie gesehen hatte, machten die Leute sich Sorgen um ihre begnadete Näherin. Sie schickten die Polizei um nach dem Rechten zu sehen.
Man fand sie - eine Schere mit einem schlangenähnlichen Griff im Herzen, völlig ausgezehrt am Boden liegend. Sie mußte sich selber das Leben genommen haben...

- Ende -

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